Nur wenige Jahre vergingen, bis nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße verschiedene westdeutsche Städte anregten, Patenschaften für Städte und Kreise der ehemals deutschen Ostgebiete einzurichten. Bahnbrechend in dieser Richtung war die Stadt Goslar, die die Patenschaft für die Stadt und den Kreis Brieg übernahm (1950). Die älteste Patenschaft im Rheinland ist die der Stadt Köln für Breslau (1951).
In Hilden setzten sich zunächst die "Landsmannschaft Schlesien" und der Ortsverband des "Bundes der Vertriebenen" für den Patenschaftsgedanken ein. Dabei standen verschiedene schlesische Städte zur Debatte, die jedoch schon alsbald an andere Patenstädte vergeben waren. Da erhielt die Stadt Hilden an 16.12. 1954 durch Ratsmitglied Karl Nogossek (Vorsitzender des Bundes der Vertriebenen, Ortsverband Hilden) und Oberstudienrat Ernst-Günther Häring (Vorsitzender der schlesischen Landsmannschaft, Ortsgruppe-Hilden.) die Nachricht, sie könne noch die Patenschaft über die Stadt und den Kreis Wohlau übernehmen.
Dieses Angebot wurde sofort vom Hildener Kulturausschuss angenommen und bis zum Sommer 1955 war die Angelegenheit soweit durchdiskutiert, daß der Hauptausschuss damit befasst werden konnte. Man war sich darüber klar, dass eine Patenschaft die Organisation von Heimattreffen und Erholungskuren, die Anlage einer Einwohnerkartei und die Einrichtung einer Heimatstube beinhaltete. - Außerdem war es angebracht, ein Wappen und eine Fahne des Patenkreises zu besorgen. Vom Hauptausschuss ging die Angelegenheit an den Rat der Stadt Hilden, der in seiner Sitzung vom 22.6.1956 beschloss, die Patenschaft für Wohlau zu übernehmen. Gleichzeitig wurde ein Patenschaftsausschuss aus Ratsmitgliedern gebildet, dem ein Patenschaftsbeirat (bestehend aus Hildener und Wohlauer Bürgern) zur Seite stand. Dieses Gremium aus Ausschuss und Beirat kam überein, die Patenschaftsurkunde anläßlich eines Festaktes in Hilden an die Wohlauer zu überreichen.
Wie beschlossen, übergab der Hildener Bürgermeister Robert Gies (1952 - 1969) am 2.6.1957 im Hildener Reichshofsaal die Patenschaftsurkunde dem Vertreter der Wohlauer Heimatvertriebenen, Herrn Justizinspektor i. R. Gustav Adler.
Vom 24. - 26.05.1958 (Pfingsten) fand das erste große "Wohlauer Heimattreffen" in Hilden statt. Es führte etwa 1300 bis 1400 ehemalige Einwohner des niederschlesischen Kreises Wohlau aus allen Teilen der Bundesrepublik und der DDR in die Patenstadt, die eine Begrüßungsgabe in Buchform bereithielt.
Weitere "Wohlauer Heimattreffen" wurden im Juni 1962, im Mai 1966, im Mai 1971, im Juni 1974, im Mai 1978 und im Mai 1982 in Hilden durchgeführt. Die Teilnehmerzahlen erhöhten sich dabei von anfangs 1300 Teilnehmern (1958) auf an nähernd 2000 (1982).
Neben den bundesweiten Heimattreffen wurde aber auch alle vier Jahre zu landesweiten (Postleitzahlen 4 und 5) Treffen eingeladen. Letztere bezeichnet man hier als "Regionaltreffen" Solche fanden im Mai 1960, im Mai 1964, im Juni 1968, im September 1972, im Juni 1976 und im Mai 1980 statt. Sie wurden mit einer Ausnahme (Wiesbaden 1972) ebenfalls alle in Hilden abgehalten, wobei die Besucherzahlen von anfangs 450 auf rund 700 (1980) anstiegen.
Anläßlich des l00-jährigen Stadtjubiläums von Hilden (18.11.1961) überreichten Vertreter der Patenstadt Wohlau den Hildenern ein Gemälde des Wohlauer Rathauses. Das Bild hängt seither in einer Nische des Rathaustreppenaufgangs. Ende 1965 finanzierten Hilden ein "Wohlaubuch" (Richard Juhnke, Wohlau, Geschichte des Fürstentums und des Kreises), das großen Anklang fand und heute fast vergriffen ist. Letztlich wurde während des großen Treffens von 1974 ein "Wohlau Gedenkstein" auf dem Hildener Hauptfriedhof enthüllt.
Die geschilderten Treffen organisierte anfangs der erste Beigeordnete der Stadt Hilden, Heinrich Strangmeier, dem das Kultur-, Sozial- und Vertriebenenamt unterstanden Die Mitarbeiter dieser Ämter, namentlich die damaligen Inspektoren Becker, Freund und Strauß, waren mit der Durchführung der Treffen und den Paketaktionen, die an die Stelle ursprünglich vorgesehener Erholungskuren traten, befaßt. Nach Herrn Strangmeiers Ausscheiden aus dem Dienst (1964) blieben die Patenschaftsangelegenheiten am Kulturamt haften und wurden (1968 - 1973) von Herrn Wilhelm Mehren wahrgenommen. 1974 faßte man alsdann Patenschaft Wohlau und Partnerschaft Warrington (England) im Hauptamt zusammen. Mit der Durchführung der Treffen und der Paketaktionen wurde Herr Erich Spelter betraut. Er setzte sich von 1941 bis zu seinem Tode an 09.08.1981 mit ganzer Kraft für diese Arbeit ein. Zu seinem Nachfolger wurde Herr Wolfram Rother ernannt, der bereits das Treffen von 1982 organisierte.
Eine weitere Folge der Patenschaft war die Einrichtung eines "Wohlauarchivs", das vom Stadtarchiv Hilden mitbetreut wird. Die in den Jahren 1957-1965 angesammelten Unterlagen wurden von Stadtarchivar Dr. Wolfgang Wennig (1961-1977) erstmals geordnet und in einem Repertorium erfaßt (1965). Durch zahlreiche Neueingänge war die ursprüngliche Ordnung aber schon bald wieder überholt, so daß eine Aufarbeitung dringend, erforderlich wurde,
namentlich deshalb, weil Herr Dr. Wennig am 9.2.1970 von Stadtdirektor Heinz Brieden (1965—1974) den Auftrag erhalten hatte, auch das gesamte Wohlauer Schriftgut (einschließlich der Einwohnerkartei) im Stadtarchiv aufzubewahren, verpackt, im Hauptmagazin untergebracht und in einem "Findbuch" erfaßt (1979). Alle Neuzugänge werden seither der laufenden Registratur zugeordnet. Auf der Grundlage dieser Ordnung war es möglich, den Gedanken einer "Heimatstube" wieder aufzunehmen.
Ausgiebig befaßte sich der Paten- und Partnerschaftsausschuß in seiner Sitzung vom 14.11.1980 nun mit der Einrichtung einer solchen Stube. Es wurde beschlossen, daß "der gemütliche Raum im Parterre des Hauses auf der Bech" diesem Zweck dienen und das vorgelagerte Foyer in die Gestaltung einbezogen werden sollte.
Nachdem der Anfang gemacht war, ging es in einer weiteren Sitzung des genannten Ausschusses am 23.3.1981 darum, wie die beiden Räume zu gestalten seien. Man war sich darin einig, daß hier kein Museum, sondern vielmehr ein Informationszentrum zu schaffen sei. Wechselnde Ausstellungen sollten die Möglichkeit bieten, die Bürger zu informieren und Schülern einen anschaulichen Geschichtsunterricht zu ermöglichen.
Am 21.5.1981 besuchte der Ausschuß das Stadtarchiv, um sich ein Bild von den Wohlauer Beständen machen zu können. Dabei wurde festgestellt, daß zwar recht viele Bilder und Schriftstücke, aber nur sehr wenige Gegenstände vorhanden waren. Das war festzuhalten. Daneben mußte auch noch ein Ausstellungssystem gefunden werden, das sich harmonisch in das Gesamtbild des Hauses "Auf der Bech" einfügte. Die weiteren Ausschußsitzungen am 8.9.1981, am 24.11.1981 und am 21.1.1982 waren daher mit der Raumausstattung befaßt, wobei viele Dinge, namentlich das Sichtbarbleiben des historischen Bestandes des Gebäudes, zu berücksichtigen waren. Aus diesem Grund entschloß man sich für Vitrinen, eine Plexiglas- und eine Schrankwand. Also ausgerüstet, konnte der Aufbau der ersten Ausstellung in der Heimatstube, den Stadtarchivar Dr. Gerd Müller vornahm, erfolgen. Da der Schwerpunkt in der Information liegen sollte, beschränkte er sich auf geographische und historische Exponate und gab zum besseren Verständnis einen Katalog heraus.
Anläßlich des großen "Wohlauer Heimattreffens" im Mai 1982 wurde die "Wohlauer Heimatstube" durch Frau Bürgermeister Dr. Ellen Wiederhold feierlich eröffnet. Damit wurde nicht nur ein lang gehegter Wunsch erfüllt, sondern auch ein wirkliches Jubiläumsgeschenk überreicht, bestand doch die Patenschaft nunmehr bereits seit 25 Jahren.
Von Anfang an hat die Stadt Hilden ihre Patenschaft für Wohlau sehr ernst genommen. Maßgeblich beteiligt an der Ermöglichung der Heimattreffen in Hilden, wie auch an der Einrichtung der Heimatstube, war Frau Bürgermeister Dr. Ellen Wiederhold, die schon 1957 Mitglied des Patenschaftsbeirats war und sich seither aktiv für die "Patenkinder" einsetzt. Darüber hinaus auch noch im Stiftungsrat der Stiftung Schlesien tätig, erhielt Frau Bürgermeister Dr. Ellen Wiederhold auf Grund ihrer großen Verdienste auf diesem Gebiet aus der Hand des Bundesvorsitzenden Herbert Hupka die "Goldene Ehrennadel" der Landsmannschaft Schlesien, Nieder- und Oberschlesien. Sie ist damit eine der wenigen Nichtschlesier, denen diese Ehre zuteil wurde.
Soweit der Aufsatz von Dr. Müller
Die Patenschaft mit der Stadt und dem Kreis Wohlau entwickelte sich natürlich auch nach den im Aufsatz von Dr. Müller genannten Treffen weiter. Das Interesse an den Wohlauer Heimattreffen ist weiterhin erfreulich groß.
Der Rat der Stadt Hilden bekräftigte 1992 die Patenschaft. Er ist weiterhin bemüht, die enge Beziehung zu seinen Paten beizubehalten. Er sprach sich eindeutig dafür aus, auch in Zukunft an der Tradition der Wohlauer Heimattreffen in Hilden festzuhalten.
Nach der Kommunalwahl 1994 löste Herr Bürgermeister Scheib Frau Dr. Ellen Wiederhold, die am 04. September 1995 verstorben ist, als Bürgermeister der Stadt Hilden ab. Er setzt die Tradition der Heimattreffen engagiert fort, so dass wir uns heute freuen, zu Beginn des neuen Jahrtausends mittlerweile das insgesamt 2´5. Pfingsttreffen durchführen zu können.