zur Namensgebungsfeier der Astrid-Lindgren-Schule am 28.06.2002
Sehr geehrte Frau vom Steeg, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kinder,
wir haben soeben eine sehr schöne Einstimmung erfahren und ich möchte, so wie die Kinder in ihrem Vortrag, Ihnen zurufen: Hey, Pippi Langstrumpf !
Ein Ausruf, den ich als Aufforderung verstehe, einmal, wie es so schön heißt, hinter die Kulissen zu gucken.
Was will Astrid Lindgren uns Erwachsenen mit ihren Geschichten um Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter, den Kindern aus Bullerbü, Kalle Blomquist und den anderen Erzählungen sagen, welche Bedeutung haben sie ?
Zunächst einmal sind sie Inbegriff einer unbeschwerten Kindheit in der schwedischen Provinz. Tatsächlich ist es aber wohl nur eine vermeintlich unbeschwerte Kindheit, denn die Geschichten beschreiben Situationen, die konfliktträchtig sind und denen sich die Hauptfiguren stellen müssen:
Mal ist es die antiautoritäre Heldin Pippi, die sich als Tochter eines alleinerziehenden Piraten-Vaters weder Lehrern noch Polizisten unterordnet; mal ist es der zarte Mio mein Mio, der seinen Vater kritiklos liebt und sich diesem völlig unterordnet; oder es ist Karlsson vom Dach, der erzkonservativ und egoistisch ist. Doch unabhängig davon, wie problematisch die Situation ist, Astrid Lindgren schafft es, in ihren Geschichten immer auch eine Geborgenheit zu erzeugen, wie sie ihr wohl selbst als Ideal einer Familie vorschwebte. In diesem Spannungsbogen lösen die Kinder die Konflikte. Der Autorin ist es dabei wichtig, nicht nur den jungen und jugendlichen Lesern Fairness und Verständnis, Toleranz und Verantwortung zu vermitteln.
Ihre lebenslangen Bemühungen um die Rechte, Belange und Bedürfnisse der Kinder verknüpfte Astrid Lindgren mit ihrem Engagement gegen staatliche und gesellschaftliche Bevormundung und gegen Gewalt. Beispielhaft möchte ich an dieser Stelle aus ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahr 1978 einen Satz zitieren:
Aber wohl erst in unserem Jahrhundert haben Eltern damit begonnen, ihre Kinder als Ihresgleichen zu betrachten und ihnen das Recht einzuräumen, ihre Persönlichkeit in einer Familiendemokratie ohne Unterdrückung und ohne Gewalt frei zu entwickeln.
Dieser Satz lässt sich an jeden Ort übertragen; er ist, ersetzen wir das Wort Eltern durch Erwachsene, ständig gültig. Gewalt wird immer wieder ausgeübt, es gibt sie in den verschiedensten Variationen. Die täglichen Nachrichten sind voll solcher Meldungen, und selbst in unserem nahen Umfeld begegnet uns Gewalt. Hierzu gehört auch der Missbrauch der natürlichen Überlegenheit gegenüber Kindern und Jugendlichen.
Richtet sich Gewalt gegen Sachen, sprechen wir häufig von Vandalismus; so wie vor gut 3 Wochen, als hier auf dem Schulhof der Astrid-Lindgren-Schule ein tragendes Seil der Tarzanbrücke durch-geschnitten wurde. So erleben auch die Kinder Gewalt. Sie sehen und hören und lesen täglich davon.
Hinzu kommt, dass Gewalt durchaus Geschichte hat. Manch einer von uns wird sich an seine Schulzeit erinnern, eine Zeit, in der Gewalt, so wie wir sie heute verstehen, zum Schulalltag gehörte, und zwar im Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern. Selbst der Rohrstock war als Züchtigungsmittel, wie es damals hieß, nicht ungewöhnlich. So, als ob es notwendig wäre, dies auch entsprechend zu doku-mentieren, existiert für diese Schule ein Strafbuch, das am 1.August 1902 angelegt wurde.
Besteht nicht die große Gefahr, dass die Kinder letztendlich glauben müssen, Gewalt sei ein natürlicher Zustand ?
Den Kindern verständlich zu machen, ihnen zu zeigen, dass Gewalt kein wirklich wirksames und dauerhaft erfolgreiches Mittel der Konfliktlösung ist, heißt, ihnen auch zu zeigen, dass wir, die Erwachsenen und damit oft genug die Vorbilder, nicht immer alles richtig machen.
Meine Damen und Herren, muss es vor diesem Hintergrund nicht für uns selbstverständlich sein zu zeigen, dass es auch anders geht ?
In diesem Sinne steht der Name Astrid Lindgrens für eine gewaltfreie und bevormundungsfreie Erzie-hung.
Ich freue mich, dass mit dem Namen Astrid-Lindgren-Schule eine Gesinnung erkennbar wird, die dem Erziehungsauftrag einer Bekenntnisschule nicht zuwiderläuft, sondern diesen, wie ich finde, in her-vorragender Weise ergänzt.
Im Namen von Rat und Verwaltung der Stadt Hilden gratuliere ich ganz herzlich und überbringe die besten Wünsche zur Namensgebung.